Frage: Empfindest du dich selbst als erwacht? Wenn ja, seit wann ist das so?
Was ist da passiert?
Barbara Vödisch: Ich empfinde mich nicht als erwacht,
weil es für mich die Kategorien „erwacht” und „nicht
erwacht” nicht wirklich gibt. Ende 99 geschah eine deutliche Veränderung.
Aber ich nehme mich nicht als erwacht und andere Menschen als nicht erwacht
wahr. Es existiert keine Person, die erwacht sein könnte. Da bleibt
nichts. Ich sehe mich auch nicht als Lehrer und bin einfach.
Frage: Wenn du sagst, vorher war es anders, was ist an
dem Punkt passiert, als es sich geändert hat?
Barbara Vödisch: Da war einfach das tiefe Empfinden,
dass alles gut ist und dass nichts anders sein muss. Früher war da
eine Sehnsucht, die verzweifelte Suche nach unendlicher Liebe, nach „zu
Hause“, nach Geborgenheit und Einssein. Das ist von heute auf morgen
einfach verschwunden. Es war ein Angekommen Sein. Nichts mehr, das kam
und wieder verschwand, es ist einfach immer. Ein Angekommen Sein, in dem,
was witzigerweise gar nicht verlassen wurde. Absurd. Guter Humor.
Im folgenden Jahr gab es unendlich viel Glückseligkeit, deutlich
wahrnehmbar im Kontrast zu vorher. Es ist aber nicht alles nur Freude
und Sonnenschein, oder ein Schweben auf Wolke sieben. Es ist etwas Ewiges,
eine innere Gewissheit, ein tiefer Friede, die einfach nicht vergehen.
Alles hat eine ganz andere Relation bekommen. Die einzelnen Dinge sind
nicht mehr wirklich wichtig. Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass
es irgendetwas gibt, wovon Glück, Sein, der innere Friede abhängig
sind. Das ist alles weggefallen. Insofern gibt es natürlich einen
Unterschied zu „vorher“. Aber gleichzeitig ist es, als hätte
es immer nur Stille und Ewigkeit gegeben. Ich lache oft innerlich über
dieses Spiel, dass es einen Unterschied zwischen mir und anderen zu geben
scheint, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Ich sehe nur das, was
auch ich bin, hinter und in den vielen wundervollen individuellen Ausdrucksformen.
Auch gestern z.B. bei der Autorenlesung hatte ich das Gefühl, dass
ich eigentlich gar nichts hätte erzählen brauchen. Wir hätten
genauso gut spazieren gehen oder auch singen können.
Frage: Hat sich dieser Wechsel in der Wahrnehmung phasenweise
vollzogen oder war es ein plötzliches Ereignis? Wie ist das vor sich
gegangen?
Barbara Vödisch: Es gab eine Entwicklung auf der
Ebene, wo es einen Weg zu geben scheint, den es letztendlich nicht gibt.
Es gab schon immer Erfahrungen von Einssein, die sich zum Schluss auffallend
häuften. Damals war das aber wie ein Zustand, der beendet war, sobald
sich wieder etwas identifiziert hat. Im Kontakt zur geistigen Welt ist
sehr viel „passiert“. Während die ersten Bücher
„gechannelt“ wurden, fiel „ich“ in das EineSein,
in unendliche Liebe. Diese Erfahrungen ähneltem dem, was heute ist,
was immer ist, aber vorher nicht erkannt wurde. Obwohl in den Momenten
Bewusstheit darüber da war, dass eine Trennung, ein getrenntes Ich
nicht wirklich existiert, war ich später aber wieder in Identifizierungen,
Verstrickungen und Illusionen gefangen. Ich hatte schon immer eine starke
Erinnerung an unendliche Liebe, an formlose Ewigkeit, die ich schmerzlich
vermisst habe. Irgendwann habe ich dann gespürt: O ja, das gibt es
ja wirklich, hier und jetzt! Der Körper muss nicht erst sterben(
mit 18 Jahren versuchte ich, ihn zu töten) oder auf einen anderen
Planeten reisen und mein Zuhause anderswo finden, sondern ES ist jetzt
hier und überall. Während der „ Übermittelungen“
des Buches „Einssein mit Gott” schien es anfangs, als würde
ich, Barbara, dieses Es channeln. Irgendwann gab es keine Trennung mehr.
Kein Ich, kein Es. Etwas erkannte dieses Spiel der Trennungen, Identifizierungen
und Illusionen und lachte. Unendlicher Friede, unendliches Sein, Ewigkeit
blieb und ist. Den vollen Umfang habe ich gar nicht realisiert. Es war
so normal und natürlich, so selbstverständlich, trotzdem war
etwas anders. Es verging nicht mehr. Ich hatte mich nie mit Erleuchtung
beschäftigt. Es war immer nur wichtig, diese Einheit, diese Liebe
zu finden, nach der ich mich so gesehnt hatte. Bis heute klingen für
mich Worte wie „Erwachen” und „Erleuchtung” komisch,
obwohl mein letztes Buch den Titel hat „Erwachen ist einfach”.
Diese Worte wirken immer so hochgestellt, so unnatürlich, so besonders.
Das ist es aber gar nicht.
Es ist alles nicht wie das Amen in der Kirche. Ich bin, selbst wenn der
Körper nicht mehr ist ..... Da ist eine Geschichte zu Ende gegangen,
die nie angefangen hat.
Frage: Waren oder sind für dich bestimmte Meister
wichtig?
Barbara Vödisch: Nein. Es ist natürlich die
Frage, was man unter einem Meister versteht. Der Kontakt zur geistigen
Welt war sicherlich wie ein Lehrer für mich. Mein Meister war insbesondere
das praktische Leben. Das zeigte unverblümt, was funktioniert und
was nicht. Unendliche Gnade lag darin, dass es so gnadenlos meine Verstrickungen,
Glaubenssätze und Illusionen aufzeigte. Auch wenn es komisch klingt:
„Ich und mein Leben“ wurden durchleuchtet und aufgeräumt,
bis nichts mehr blieb. Auch die Menschen, mit denen ich zehn Jahre lang
in suchttherapeutischen und psychiatrischen Einrichtungen arbeitete, waren
Spiegel für mich und ließen mich erkennen. Es gab aber keinen
inkarnierten erwachten Meister oder Guru. Ich bin nur dem gefolgt, was
da war. Der zentralste Motor war jedoch diese von Kind an extrem ausgeprägte
Erinnerung an unendlichen Frieden und Liebe und der unbeschreibliche Schmerz
des sich getrennt Fühlens.
Als die „Veränderungen” schon passiert waren, bin ich
auf das Buch „Schrei in der Wüste” von Byron Katie gestoßen
und hatte den Impuls, zu ihr zu gehen, einfach um zu schauen, ob „alles
in Ordnung ist”. (lacht) Eigentlich war es offensichtlich, dass
alles in Ordnung ist.
Ich habe sie gesehen, und das war alles. Ich habe etwas Verwandtes gefühlt,
gar nicht über Sprache, sondern über Energiepräsenz. Es
war ausreichend, das zu sehen und sie zu erleben. Das Entscheidende war
für mich aber schon vorher geschehen.
Ich habe auch mit der Satsang-Szene nicht viel zu tun. Ich bin da unbedarft.
(lacht) Ich kenne mich auch nicht mit Philosphien aus.
Frage: Ist es dein Anliegen, anderen Menschen im Erkennen
der Wahrheit behilflich zu sein?
Wenn ja, in welcher Weise?
Barbara Vödisch: Es gibt keine Absicht, und es wählt
den Weg und die Form, die ES sich wählt. Ich spüre keinen direkten
Auftrag, Menschen retten zu müssen, weil ich nicht das Empfinden
habe, dass „ich” etwas Gutes habe, das andere Menschen nicht
haben, und dass ich ihnen dazu verhelfen müsste. Solch einen Anspruch
habe ich nicht, weil da das Empfinden ist, dass bei allen in Wahrheit
alles in Ordnung ist.
Frage: Wenn Menschen zu dir kommen, die sich selber als
Suchende sehen, obwohl sie eigentlich auch nur das Gleiche sind, was du
bist, versuchst du dann, ihnen zu „helfen”?
Barbara Vödisch: Es gibt da kein „ich”,
das direkt darauf reagiert und auch keine Absicht, helfen zu wollen. Ich
bin da und da geschieht irgendetwas, oder es geschieht auch nichts. Letztendlich
geschieht sowieso nichts (lacht). Und das ist ausreichend.
Frage: Gibst du Gruppen, Seminare oder Retreats? Oder
bietest du Meditationen an?
Barbara Vödisch: Ja, Vorträge, Seminare und
Einzelsitzungen.
Frage: Beantwortest du Fragen in den Seminaren?
Barbara Vödisch: Ja, auch ( lacht). Ich liebe Musik,
Gesang, Bewegung und Tanz. Von der Prägung her ist der Schwerpunkt
dieses Körpers weniger das Erklären und Philosophieren, sondern
Begegnungen von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz, Lachen, Leichtigkeit
und Spiel. Gestern bei der Autorenlesung tauchte die Frage auf: Was gibt
es eigentlich zu sagen? Dann kamen Worte, dann kamen Fragen. Dann gab
es scheinbar etwas zu sagen. (lacht)
Frage: Kann ich sagen, dass ich den freien Willen habe,
meine Aufmerksamkeit dahin zu lenken, wo ich es möchte, z.B. auf
die Schönheit des Augenblicks? Unterliegt das meinem freien Willen
oder passiert das einfach nur?
Barbara Vödisch: Ich kann dazu nicht deutlich ja
oder nein sagen. Diese Kategorien existieren für mich so nicht. Es
ist jenseits davon. Was ich aber sagen kann, ist, dass es keine Person
gibt, die das Leben steuern kann. Ob freier Wille oder nicht, letztendlich
geschieht, was geschehen soll.
Was mich auch davon abhält, die Frage nach dem freien Willen einfach
mit ja oder nein zu beantworten, ist die Tatsache, dass es wieder um eine
Vorstellung geht, die zu einem Konzept wird. Da ist einfach Bewusstsein,
das was ist - und aus! Einfach Sein, das ist ausreichend. Da ist es nicht
von Bedeutung, ob es einen freien Willen gibt oder nicht. Existiert überhaupt
jemand, der einen freien Willen haben könnte?
Frage: Wie erlebst du jetzt Sexualität?
Barbara Vödisch: Auf der Ebene der scheinbaren Entwicklung
war nach dem Erwachen -mir ist das Wort „Erwachen” nicht angenehm,
aber ich weiß nicht, wie ich es sonst bezeichnen sollte - ein halbes
Jahr überhaupt kein sexueller Impuls mehr da. Das war auffällig.
Sexualität war immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Sie
war auf einmal verschwunden. Früher hatte ich das Konzept: „Da
kann doch jetzt etwas nicht stimmen, entweder bei mir oder in der Beziehung
zu meinem Mann, das muss ein Spiegel sein.” Früher hätte
ich gedacht „das braucht doch ein normaler Mensch,” und versucht,
den Impuls künstlich zu puschen. Aber es war einfach weg, und es
gab keinen Plan dazu. Es war mir gleichgültig, es geschah total natürlich.
Dann hat sich der Impuls zur Sexualität wieder eingestellt. Aber
sie ist nicht mehr von Bedeutung für die Suche nach Einheit, Glück
und Ekstase. Ich suchte nach besonderen Einheits- und Verschmelzungserfahrungen,
die dann aber immer wieder gekippt sind und zu tiefer Traurigkeit und
Schmerz führten. Sexualität muss nicht mehr dieses Highlight
und auch nicht mehr so herausragend sein. Es ist jetzt einfach frei. Ich
hatte eine Identifizierung mit dem Besonderen, alles musste besonders
schön und ekstatisch sein, nicht nur auf Sexualität bezogen.
Jetzt ist alles einfach, wie es ist. Das ist eine wundervolle Freiheit.
Das Leben ist menschlicher geworden, als es je zuvor war. Es wurde deutlich,
dass diese Idee, alles müsste besonders, perfekt und glücklich
sein, die Ursache für viel Leiden war und so viel Enge und Anstrengung
erzeugt hat.
Frage: Wie gehst du mit Geld um?
Barbara Vödisch: Eigentlich gehe ich mit Geld gar
nicht um. Es ist einfach da oder nicht. Ich kaufe etwas oder nicht. Ich
empfinde das nicht so getrennt. Es ist ein natürlicher Strom, der
fließt, mal weniger, mal mehr. Es spielt weder keine, noch eine
Rolle. Ich habe keine Existenzängste mehr in Verbindung mit Geld.
Auch da ist eine wundervolle Natürlichkeit geschehen. Ich freue mich
darüber, wenn ich schöne Dinge kaufen kann. Ich liebe Schönheit
und vielfältige Ausdrucksformen. Es gibt auch vieles, was wunderschön
ist und nichts kostet.
Frage: Viele Menschen, die sich mit Spiritualität
beschäftigen, waren schon in Indien. Bist du auch schon dort gewesen?
Oder spürst du einen Impuls dorthin zu reisen?
Barbara Vödisch: Ich war nie in Indien und wollte
auch nie dorthin. Immer mal wieder rieten mir Menschen, nach Indien zu
reisen, aber es hat mich nie interessiert. Ich kenne mich auch gar nicht
mit den indischen Gurus aus. Inzwischen habe ich mitbekommen, dass es
diesen Ramana Maharshi gab, der sehr warme, schöne Augen hatte.
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich in Indien etwas finden könnte,
was ich gesucht und inzwischen gefunden habe. Ich habe nie etwas mit der
Indien und der Gurus-Szene zu tun gehabt. Es gibt diese „Szene“,
und das ist in Ordnung, aber das war nie mein Ding.
Es war wichtig, dass mein Herz berührt war. Vorstellungen und Aussagen,
dass der eine Mensch Gott näher und spirituell höherstehend
als ein anderer ist und der damit verbundene Dogmatismus, die Bedingungen,
Übungen und Meditationen haben mich nie interessiert. Wenn jemand
mein Herz mit menschlicher Wärme berührte, dann ist etwas geschehen.
Ich habe wirklich von Mensch zu Mensch gelernt, besonders auch durch Jahre
extremen, unbeschreiblichen Leidens. Auch als „Channel“ einiger
Bücher streifte ich nur die „Channelszene“ und war eher
ein Einzelgänger am Rande. Ich fühlte mich nie als Channel,
nie als Tanztherapeutin oder spirituelle Lehrerin. Es gab auch nie ein
richtiges Zugehörigkeitsgefühl für eine bestimmte Richtung.
Ich habe gespürt, wenn ich mich den Strukturen und Regeln und Zuordnungen
einer Szene beuge, dann ist das einengend und beschränkt mich auf
etwas. Diesen Preis wollte ich nie zahlen. Ich habe gespürt, wo etwas
Wahres für mich ist, und bin dann mit dem weitergegangen. Dadurch
sind immer wieder die unterschiedlichsten Rahmen gesprengt worden. Ich
spiele auch gerne Tennis und habe mir früher gerne die Fernsehserie
„Dallas” angesehen, ich mag Pippi Langstrumpf. Mein Mann hat
mit wirtschaftlichen Dingen zu tun, und diesen Bereich finde ich auch
spannend.
Ich habe früher zwar viel dafür getan, um geliebt zu werden,
aber ein Teil konnte sich nie einfügen und suchte nach Wahrheit,
nach wahrer Freiheit.
Jetzt bin ich angekommen, in dem, was niemals verlassen wurde, einfach
und natürlich - überall zu Hause.
Fragender: Danke für dieses Gespräch
Barbara Vödisch: Gerne, danke dir. |